Ich sag grundsätzlich erstmal JA. Nicht mit dem Kopf schütteln, nicht wundern…erst mal lesen.
Hartz 4 bzw. die damalige Sozialhilfe kann und muß auch mal situationsbedingt und ganz individuell betrachtet werden. Warum da Pauschalen fehl am Platze sind ? Lest selbst:
Mein Mann war damals vor 6 Jahren selbständig. Er fuhr auf eigene Rechnung für eine Marketing- Agentur in Discounter und verräumte Waren einer Feinkostkette. Pro Tag ungefähr 8-9 Läden, mal mehr, mal weniger. Erst im Umkreis von 20-30 km, später führten die Fahrten in Läden nach Köln, Aachen, Bonn, Selfkant. Zu der Zeit hatten wir eine 1,5 jährige Tochter. Alles war irgendwie immer knapp- aber wir waren zufrieden.
Ja, die Touren wurden mehr, weiter, teurer, anstrengender, belastender. Die Steuerberaterin rang sich stets ein müdes Lächeln angesichts unserer Unterlagen ab,- und ließ sich dieses natürlich ebenfalls gut bezahlen…
Der Spritpreis stieg langsam ins Immense und an so existentielle Dinge wie an eine Krankenversicherung meines Mannes war nicht zu denken. Die Wartung des Autos war ebenso vollkommen indiskutabel,- die Karre wurde gefahren bis sie alle vier Reifen von sich streckte. Die Agenturleiter taten, was sie konnten und zahlten wie sie konnten. Da ist kein Vorwurf zu machen, wenn man als „Sub- Auftraggeber“ selber auf zu verteilende Gelder wartet. Wir hielten durch, schwiegen und machten. Gemeinsam.
Langsam und schleichend spitzte sich die Situation zu. Täglich 20 Mark/ später Euro zum Tanken (und mit täglich mein ich täglich), keine Auszahlung, kein Essen und gedrehte Kippen aus den Resten aus dem Aschenbecher. Ich rollte Pfennige ein und brachte sie unauffällig zur Spaßkasse , ich schnorrte beim ständig betrunkenen Nachbarn in der Hoffnung, dass er tags darauf eh nix mehr davon weiß. 3 Monate Mietrückstände erforderten den Besuch beim Amt für Wohnungsnotfälle (die übernahmen den Rückstand- heut noch ein dickes DANKE…),- ich betrieb Kaffee- und Brotklau im Supermarkt und als Highlight, als wirklich garnix mehr ging, mit dem Fahrrad, dem Kleinkind und dem Hackenporsche zur D..Tafel – da wußten wir: wir sind auf dem Boden der Realität gelandet.
Man wird sich fragen: wie konnte man sich denn so was gefallen lassen. Kann man fragen, soll man auch. Wie naiv muß man sein um sich an den Rand der Existenz und des späteren gesundheitlichen Ruins zu bringen. Wir hatten streckenweise nur eines im Sinn:
Hoffnung nicht aufgeben und noch mehr malochen- wird schon werden. Löwenmentalität eben. Tochter bei der Oma abliefern und mitfahren, mitmalochen, dem Mann Mut zusprechen, aus seiner „Depression“ holen, und selber nicht verrückt zu werden angesichts dieser Situation. Wir wollten einfach nicht sagen- wir packen´s nicht mehr. Obwohl wir damals physisch und psychisch am Stock gingen.
Bevor wir dann den endgültigen Schritt wagten zum Sozialamt zu gehen, vergingen schon noch ein paar Tage. Als wir aber dann, nahe dem Kollaps, vor einer Sachbearbeiterin saßen und nur noch eines, nämlich: HELFT UNS schrien, traten wir in uns eine emotionale Mauer ein. Ich muß ganz ehrlich sagen, dass mir schon viel an Mist passiert ist- wie jedem anderen unter den Lesern auch. Aber diese Zeit war so die krasseste und prägenste meines bisherigen Lebens.
So, nun versteht man, warum es uns jetzt besser geht. Damals Sozialhilfe, heute Peter´s Hartz- egal, uns GEHTS JETZT GUT. Und einer Vielzahl von jetzigen SGB II- Empfängern geht es besser und gesicherter, auch wenn sie´s nicht zugeben (wollen).
Das wichtigste ist wohl erstmal, dass mein Mann seitdem krankenversichert ist. Jetzt kostet uns der Rettungswagen keine 543 Mark mehr, die wir zahlen mußten, als mein Mann mit einer Nierenkolik in ein Bonner Krankenhaus eingeliefert werden mußte. Zahnarzt, Hausarzt,- alles ist wieder drin. Die Existenz ist gesichert, die Existenz einer kompletten Familie war plötzlich wieder gesichert. Mit Strom, Heizung, Essen, Kleidung,- allem was dazu gehört.
Ich möchte betonen, dass Hartz 4 seit der Zusammenlegung von ALHI und Sozialhilfe natürlich seine ungerechten und fürchterlichen Schreckensseiten hat, unter die wir heute genauso leiden wie jeder andere mit Kind auch. . Aber soo leiden wie damals? Ne. Nix ist mehr so schlimm. Wir verzichten genauso, aber dieser Verzicht hat eine ganz andere Qualität, ist freiwilliger als der Zwang, zur Tafel fahren oder Brot stehlen zu müssen, damit der Bucki nicht mehr knurrt.
Heute arbeitet mein Mann in einem schönen, warmen Büro als 400 Euro- Kraft und ist politisch für den „kleinen Mann“ unterwegs. Wir erfüllen den Erziehungs- und Fürsorgeauftrag unserer Lütten. Sie ist ein wohlgenährtes, gutgekleidetes, freches aber/ und glückliches Kind. Weil die Eltern es sind. Sollte man drüber nachdenken.
Natürlich hat sich seit Hartz 4 einiges zum Nachteil geändert. Die Armut wird bei allen immer größer. Da habe ich ebenso kein Verständnis mehr für. Aber damals…
[...] versagt.Die Möglichkeit auf Inanspruchnahme einer Hilfseinrichtung wie zum Beispiel “Tafeln” kann unter bestimmten Ermessens Kriterien statt gegeben [...]